Der weinende Omurg

Omurg hatte sich eine Insel aus Gras geweint und saß in der Wüste. Die Hirten riefen den Omurg, weil seine Tränen so zahlreich waren, dass sie aus Sand eine Weide machten. Keiner fragte den Omurg, warum er denn weine, und der Omurg redete nicht.

Eines Tages kam ein namenloser Fremder auf einem beflügelten Pferd und machte Rast in der Wüste, Warum weinst du denn so, fragte er Omurg. Mein Wort kann töten, erwiderte der. Aber das glaube ich nicht, sagte der Fremde.

Ich war umgeben von Blumen, begann der Omurg, ihr Blumen seid die Bräute des Windes, rief ich, doch da welkten sie. Der Himmel über mir war befiedert mit einer Vogelschar, fuhr der Omurg fort, ihr Vögel seid meine Stirn, rief ich voll Freude, da fielen sie tot vom Himmel herab.

Der Fremde hob seine Stimme an, ein kleines Lied zu singen. Im Nu wuchs ein Feld aus prächtigen Blumen. Nun sprich, bat der Fremde, und der Omurg zögerte erst. Ihr Blumen seid wieder da, rief er zaghaft, doch da welkten sie. Der Fremde hob nochmals die Stimme an. Auf einen Schlag war der Himmel bevölkert mit Vogeltieren. Nun sprich bat der Fremde, der Omurg traute sich kaum. Ihr Vögel, bleibt da, flüsterte er fast. Im Nu war der Sand und das Gras voll totem Gefieder.

Ein drittes Mal sang der Fremde sein kleines Lied. Da wuchs aus den Federn ganz stolzes Getier, mit glänzenden Hörnern und goldenem Fell, und aus trockenen Blüten wuchs gläsernes Dornengebüsch, in dem kleine Olchfrauen tanzten.

In dieser Welt darfst du sprechen, erklärte der Fremde, bestieg das Pferd und flog zu seinem fernen Gestirn.

Der Omurg aber weinte nicht mehr, und die Hirten riefen ihn nicht.

Berlin 2001